von welchem Hirten kommt der Brief?


Heute morgen sollte in einigen Kirchen der Hirtenbrief von Bischof Huonder verlesen werden. Ein Hirtenbrief ist eine Tradition der katholischen Kirche, bei der ein Oberhaupt (Bischof) den Gläubigen mit Worten Trost spenden oder Rat weiter geben will. Keine grosse Sache also, dachte sich wohl auch Vitus Huonder und hat sich bei der heutigen Ausgabe seines Rundschreibens dem Thema „Ehe“ gewidmet. Dabei geht er vor allem darauf ein, wie wichtig eine gute Basis und damit auch eine gute Vorbereitung auf die Ehe ist, damit diese gelingen kann. Daumen hoch, Vitus! Gleichzeitig bekräftigt er aber, dass die Ehe unauflöslich ist und demnach Menschen, die sich zivilrechtlich geschieden haben, aus Sicht der Katholischen Kirche immer noch verheiratet sind. Naja, ein ziemlich schwierig zu vermittelnder Sachverhalt – auch theologisch. Denn in der letzten Konsequenz heisst das – und da ist Huonder ganz stramm auf der römischen Linie – dass geschiedene Menschen (die ja eigentlich immer noch verheiratet sind) nicht wieder heiraten dürfen, sollen oder können und demnach bei einer erneuten Heirat in Sünde leben und demnach von den Sakramenten (Abendmahl, letzte Ölung, etc.) der Kirche ausgeschlossen werden. Harter Stoff also für alle Gescheiterten: in der Katholischen Kirche seid ihr nun nur noch zweitklassige Mitglieder – ähnliche wie der FC Aarau, der im Moment in der Challenge League kickt… Ihr dürft zwar auch ein bisschen Mitspielen, aber so richtig um die Meisterschaft eifern geht nicht mehr.

Besonders krass finde ich die Botschaft, die diese Praxis aussendet: Es gibt gewisse Menschen, die in der Kirche nicht willkommen sind! Es gibt gewisse Menschen, die nicht vollwertig Gottes Gnade und Barmherzigkeit (zum Beispiel ausgedrückt im Abendmahl) für sich in Anspruch nehmen dürfen. Doppelt krass ist es, weil diese Botschaft das genaue Gegenteil von dem ist, was Jesus gelebt hat: Er hat sich mit den Prostituierten umgeben. Er hat mit den Verbrechern gegessen. Er hat den Ausländer  bei sich aufgenommen. Bei ihm war nie jemand ausgeschlossen – im Gegenteil hat er jedem eine weitere Chance gegeben. Er hat jedem Menschen, egal wie zerbrochen die Vergangenheit oder Gegenwart war, Gottes Liebe, Annahme und Vergebung gezeigt. Bei Jesus sind die Geschiedenen willkommen. Ja, wir sollen und dürfen uns für starke Familien und Ehen einsetzen. Und ja, jede Scheidung ist eine Katastrophe. Die Frage ist aber nicht, wie ich Menschen, die geschieden sind, ausschliesse und noch eins oben drauf haue, um mich selber und die Kirche rein zu bewahren. Als ob Gott es nötig hätte, dass ich ihn verteidige oder vor dem Bösen bewahre. Und doch verstehe ich das Anliegen von Bischof Huonder wieder sehr gut: wie können wir als Kirche und als Gesellschaft dazu beitragen, dass Ehen und Familien gesund sind und nicht auseinander brechen – würde aber gleichzeitig anfügen: wie können wir als Gläubige und als Gemeinschaft offen sein für Menschen, die anders sind: Gescheiterte, Ausländer, Drögis, Alkis, etc. Wie können wir Menschen, die ja schon wissen, dass sie versagt haben, die sich vielleicht selber ablehnen, die von anderen abgelehnt wurden, zeigen, dass Gott sie annimmt, sie liebt, ihnen vergibt – und wie können wir diese Liebe, diese Annahme, dieser Vergebung auch praktisch in der Gemeinschaft ausdrücken?

Leider kriegt man die Komplexität des Lebens nicht immer so rund zusammen. Wenn man für das eine ist, muss man vielleicht auch gegen das andere sein. Dieser Hirtenbrief ist da ein gutes Beispiel. Und doch ist es eine verpasste Chance zu zeigen, dass es in der Kirche nicht in erster Linie um richtig und falsch geht, sondern um Barmherzigkeit. Zu zeigen, dass es einen Gott gibt, der uns in erster Linie liebt, annimmt und uns vergibt – und aus der unmöglichsten Situation und aus dem grössten Zerbruch etwas Ganzes und Heiles machen kann. Irgendwie ermutigend, dass sich einige Seelsorger und Priester weigern, den Hirtenbrief, so wie er jetzt vorliegt, in ihren Gemeinden vorzulesen. Und ich hoffe, dass es ihnen gelingt, damit nicht nur eine Protestnote zu platzieren, sondern eine Botschaft der Barmherzigkeit und der Gnade zu senden, die eigentlich der Kern jeder Kirche ist – auch der Katholischen.

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