gestrandet in Freetown

Posted: Februar 7, 2012 in Überlegungen

Die letzten Tage waren ueberaus ereignisreich. So sitze ich im Moment in einem Internetcafe in Freetown, versuche meine Gedanken zu ordnen und auf der Englischen verklebten Tastatur das z und y nicht yu verwechseln.

Patrick und ich sind am Freitag gut hier gelandet. Die Fahrt vom Flughafen und die Faehre nach Freetown ging fast so lange, wie der fuenfstuendige Flug von Lagos nach Sierra Leone. Es war noch hell, als wir ankamen und so machte ich mich fuer eine kleine Laufrunde auf. Es gibt wohl nichts besseres, als die Gegend joggend zu erkunden. Am Samstag hatten wir das erste Treffen mit der Vineyard Grafton. Die Gemeinde enstand durch Glorious und ihren Freunden in einem der aermsten Vororten vor ca. 6 Monaten. Ca. 15 Erwachsene und doppelt so viele Kinder freuten sich, den Schweizer und seine Botschaft kennen zu lernen. Es war ein super Meeting. Am Abend dann trafen wir die Lehrer und Schueler des Vision West Africa Adult Education Center in Allen Town. Hinter diesem langen Namen steht ebenso viel Power und Lernfreude. Trotz dem kurzfristig anberaumten Treffen kamen viele Schueler, um uns zu erzaehlen, wie dieses Angebot, Lesen und Schreiben zu lernen, sie veraendert habe. Einige haben Arbeit gefunden, andere koennen nun ihren Kindern bei den Aufgaben helfen, wieder andere fuehlen sich zum ersten mal im Leben wertvoll. Und alle meinten, wir sollten das Programm unbedingt ausbauen. Sie moechten ein  Handwerk lernen, ein Geschaeft beginnen, den Schulabschluss nachholen, an die Uni studieren gehen. Und ein aelterer Herr bat mich eingehend, ihm eine Brille zu bezahlen. Er moechte so gerne weiter lernen, aber seine schlechten Augen liessen dies einfach nicht mehr zu. Natuerlich habe ich ihm unsere Unterstuetzung zugesagt. In diesem Jahr moechten wir in Allen Town ein Programm zum Erlernen von Handwerklichen Fertigkeiten (Skill Training) starten, gleichzeitig den Teilnehmern aber auch zeigen, wie man damit ein Geschaeft starten und eine Familie ernaehren kann. Und natuerlich moechten wir die Computerschule weiter ausbauen. Mal sehen, wie weit da unser Geld reicht…

Am Sonntagmorgen waren wir wieder bei der Vineyard Grafton zu Gast. Der Gottesdienst war gepraegt von viel Freude und einer begeisternden Atmosphaere. Anschliessend wollten sich 15 Menschen taufen lassen, um ihren neuen Glauben zu bekennen. Das ganze endete in einer grossen Party mit afrikanischem Essen und lauter Musik – und fuer mich in einer langen Jogging-Runde ueber rot-staubige Strassen und unter Palmen

Am Montag ging es dann auf nach Makeni. Die Fahrt dauerte 5 Stunden, raus aus dem Tropengebiet in die Savanne. Faszinierende Landschaft, fuehlte mich wie auf einer Safari. Am Abend trafen wir dort Schueler und Lehrer des Vision West Africa Adult Education Center Makeni. Dieses treffen beruehrte mich zu tiefst. Aeltere Frauen erzaehlten mir, wie sie nie zur Schule gehen konnten und nun endlich lesen und schreiben lernen duerfen. Eine Geschaeftsfrau berichtete, wie sie nun besser geschaeften kann, nun, da sie die Namen ihrer Glaeubiger aufschreiben kann und endlich auch rechnen gelernt hat. In Makeni bieten sie Englisch, Mathematik, Social Studies und Practical Science an vier Abenden in drei Klassen an, jeweils von 7 bis 9 am Abend. Und am gleichen Tag gibt es ein Angebot fuer Kinder, eine Stunde von 4 bis 5. Beim Treffen waren Kinder zwischen 8 und 16 Jahre, die nicht zur Schule gehen konnten, weil ihnen das Geld fehlt oder weil sie raus geschmissen wurden oder weil die Eltern sie zum Geld verdienen brauchen. Sie waren so froh, dass sie nun wenigstens etwas an Schulbildung nachholen koennen. Ich habe glaub noch nie so viele Hoffnungsvolle Augen auf einem Haufen gesehen. Natuerlich moechten auch sie, dass wir unser Programm ausbauen…

Heute ging es dann frueh los an den Flughafen – dieses mal hinten durch ueber die Staubstrasse, damit wie Faehre nicht brauchten – was sich als Fehler erwies. Ich habe sicher ein halbes Kilo Staub geatmet heute. Meine Freunde haben mich dann am Flughafen abgeladen, damit sie die naechste Faehre erwischen und ich wollte einchecken gehen. Genau, wollte. Denn mein Flug wurde erstens auf morgen verschoben und zweitens wird Air France bestreikt. Eigentlich muesste ich jetzt am Gate sitzen und mich auf einen ruhigen Rueckflug freuen. Doch manchmal will es nicht und dann sowieso noch anders. Ich hoffe, dass ich wenigstens morgen weg komme  – denn Freetown wird nicht so regelmaessig angeflogen und wenn man mal fest sitzt, dann klebt man. Also, hoffen wir auf das beste!


In ein paar Minuten geht es los an den Flughafen. Um acht Uhr geht unser Flieger nach Freetown. Die Innerafrikanischen Flüge sind ein Abenteuer für sich, doch es gibt für diese Strecke nur eine Möglichkeit: Arik Airline – wenn sie denn überhaupt fliegen. Im Herbst ging ihnen nämlich das Geld aus… Mittlerweile läuft der Betrieb aber wieder, ich hoffe nur, sie haben weder beim Kerosin noch beim Unterhalt gespart.
In Freetown haben wir ein dichtes Programm. Wir besuchen die beiden Schulen von Vision Westafrika, die Computerschule und besprechen die nächsten Schritte für das Skill Training. Wir wollen durch ein praktisches Lernangebot Hoffnung durch Bildung bringen. Dann besuchen wir die Vineyard Grafton, die wir im Herbst mitgeholfen haben zu gründen. Sie haben mitten in einem Slumgebiet ein Stück Land gefunden und bauen dort nun ein Gebäude, va aus Holz und Blech, damit sie den Ärmsten von Sierra Leone dienen können.
Für Patrick und mich heisst das fünf Tage Schweiss, Reisen, Gespräche, Entscheidungen. Und viele erfreuliche Begegnungen!


… und hier kommen noch die versprochenen Bilder:

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the boys are back in town

Posted: Februar 1, 2012 in Überlegungen

Wir haben es alle wieder heil nach Lagos zurück geschafft – Toyota Brevia eingeschlossen. Auf dem Weg in den Osten haben wir uns noch aufgeteilt. Unsere beiden Begleiter Ifechukwu und Eric fuhren mit dem Brevia, Patrick und ich nahmen aus Sicherheitsgründen den Linienbus von ABC. Die Strasse nach Akwa führt durch das Niger-Delta, wo regelmässig Menschen entführt werden – natürlich vor allem Weisse. Auf dem Rückweg wagten wir es, alle zusammen mit dem Brevia zu fahren. Dafür ging es schon um 6 Uhr los. Und es verlief alles smooth and steady. Nach den sicher 10 Polizeikontrollen, den 15 Unfällen (ohne unsere Beteiligung natürlich), den 20 stehen gebliebenen Lastwagen (mit unserer Beteiligung im dazugehörigen Stau) und den etwa 5 Pinkelpausen, waren wir kurz nach 15 Uhr in Lagos. Zeit genug also, noch meine Jogging-Schuhe zu schnüren und ein paar Kilometer zu laufen. Im Osten ist dieses Unterfangen leider am Veto von Patrick gescheitert – er fand es viel zu gefährlich, wenn ich alleine durch die Strassen renne. Hier in Lagos gab er dann seinen Widerstand auf – und mein Körper hat sich mittlerweile auch soweit an die Umgebung anklimatisiert, dass Verdauung und Kühlsysteme einigermassen normal funktionieren und ein Training ertragen (Details erspare ich euch…). So kam ich doch noch zu einer kleinen Lauf-Einheit mit 9 Kilometer und sicher 2 Liter Wasserverlust.

Die Bilder dazu muss ich leider auf morgen aufsparen. Das Internet ist einfach way too slow…


Die Arbeit in Afrika braucht vor allem eines: sehr viel Geduld. Zum einen dauert hier alles länger, zum anderen ist es unberechenbarer. Seit Freitag sind Patrick und ich im Osten von Nigeria, genauer in Akwa. Wir besuchen die Vineyard-Gemeinde, die hier am entstehen ist und besprechen die Möglichkeit, dass wir als Vision West Afrika ein Schulprojekt unterstützen.
Jekwu, der Leiter der entstehenden Vineyard, hat ein dreitägiges Seminar für Pastoren organisiert, zu denen Patrick und ich sprechen sollen. Diese Aufgabe ist doppelt interessant, denn unsere Sicht von Jesus-Nachfolge und Gemeinde ist eine grosse Herausforderung für das bestehende Bild hier in Nigeria. Jesus ist für einige Menschen hier leider nur ein anderer Weg, möglichst schnell reich und erfolgreich zu werden, während Gemeinde für einige Pastoren eigentlich nur ein Geschäft ist, dass ihnen ein gutes Einkommen und Ansehen bringt. Wenn wir dann darüber sprechen, dass Jesus uns zum Dienst am Nächsten und an den Armen ruft, stossen wir auf einiges Unverständnis. Hier herrscht die Meinung vor, dass man den Armen nicht helfen sollte, weil man sonst selber arm wird. Was du säst, wirst du ernten, heisst es hier! Und natürlich sehen sie den Ognocha, den Weissen, als reichen Mann, der mit viel Geld gekommen ist. So hat eine Frau, die sich selber den Titel eines Bischof gegeben hat, heute morgen von uns verlangt, jedem Pastor 200 Dollar zu schenken. Leider sind solche Begebenheiten für uns hier langsam Alltag. Und doch braucht es einfach viel Geduld – bis wir die richtigen Mitarbeiter und Partner gefunden haben: Menschen, die bereit sind, sich ganz für die Sache Jesu einzusetzen, den Armen und bedurftigen zu dienen, die Bibel nicht gemäss ihren Wünschen auszulegen und ihre Funktion nicht für ihren eigene Gewinn zu Missbrauchen. Das Spannungsfeld ist riesig und ich versteher hier jeden Menschen, der sich ein bessers Leben und mehr Geld wünscht – doch mich als Quelle dafür zu sehen, nervt gewaltig. Doch es gibt auch Hoffnung, denn das Schulprojekt macht einen sehr guten Eindruck. Und zwei oder drei der Leiter, die wir bis jetzt getroffen haben, scheinen echt gute Motive zu haben. Aber eben, es braucht Geduld. Und dies im wörtlichen Sinne, denn das Treffen von heute sollte eigentlich um 9 Uhr beginnen – und das ist bereits 3 Stunden her….

Back home

Posted: Januar 27, 2012 in Mission, unterwegs

Seit Mittwoch bin ich wieder in meiner zweiten Heimat: Westafrika. Am Morgen ging es los mit Bus und Zug nach Zürich, dann nach Amsterdam und von da nach Lagos. Das Flugzeug war nicht ganz voll und so der Flug dementsprechend angenehm. Auch die Einreise nach Nigeria war ok – was sonst bis zu drei Stunden gehen kann, dauerte für einmal nur 30 Minuten. Am Donnerstag standen einige Gespräche auf dem Programm. Eunice und Robertson kamen vorbei und wir haben uns über das Land und deren Entwicklung unterhalten. Interessanterweise landen wir dabei immer beim Thema, wie der Glaube im Alltag praktisch werden kann. Lustigerweise oder eher traurigerweise steht dabei das Bild, was Kirche und Christsein bedeut, im Weg. Kirche bedeutet auch hier v.a. ein Gebäude und ein Gottesdienst, während Christsein ein möglicher Weg darstellt, möglichst schnell reich und erfolgreich zu werden. Sehr selten geht es dabei um praktische Christusnachfolge oder den Auftrag, diese Welt durch einfache Taten im persönlichen Umfeld ein Stück besser zu machen. Unsere Frage war dabei, ob wir überhaupt noch von Kirche oder Christsein sprechen wollen oder ob wir uns nicht nicht viel eher als Jesus-Nachfolger und als Bewegung verstehen.
Heute Freitag ging es dann weiter in den Osten von Nigeria, nach Enugu, dem Zentrum der Igbos. Aus Sicherheitsgründen sind wir mit einem Linienbus, anstatt einem Privatauto gefahren. Das bedeutete um 5 Uhr los, um 7 Uhr auf den Bus und gegen 18 Uhr endlich da. Ich habe während der Fahrt vor allem gedöst und gegen Kopfschmerzen gekämpft. Die Umstellung auf das andere Klima mit 33 Grad und das örtliche Essen scheint mir überaus Mühe zu machen.
Morgen Samstag geht es dann so richtig los. Wir haben ein paar Meetings mit der Vineyard hier, die im Frühling entstanden ist. Ich bin gespannt, wie offen sie für ein neues Bild von Kirche sind, die sich nicht um Geld oder persöniches Wohlbefinden, sondern um Jesus und die Nöte dieser Welt drehen. Und von diesen gibt es hier genug!


Wenn wir uns fragen, wie wir die Bibel lesen, sollten wir nicht vergessen, dass es eigentlich ja gar nicht um die Bibel geht, sondern um den Gott der Bibel. Die Bibel ist eine offene und ständig gültige Einladung, nicht nur die grosse Erzählung kennen zu lernen, sondern den grossen Autor dahinter: Gott. Gott hab uns die Bibel, damit wir ihn persönlich kennen lernen und Teil der grossen Erzählung werden. Wir sollten also nicht bei der Frage, wie wir die Bibel lesen, stehen bleiben, sondern uns weiter fragen, wie wir die Bibel leben. Und dabei sollten wir nicht vergessen, dass es unzählige Menschen vor uns gegeben hat, die die Bibel gelesen, den Gott der Bibel erlebt, die grosse Geschichte ergriffen haben und so selber Teil der Erzählung wurden. Man könnte das ganze auch Kirchengeschichte oder -Tradition nennen. Nun gibt es die einen, die die Bibel durch die Tradition lesen und die anderen, die sie mit der Tradition lesen. Die Bibel durch die Tradition zu lesen, bedeutet, die Brille anderer anzuziehen und ihre Leseart der Erzählung zu übernehmen. Die Bibel mit der Tradition zu lesen, bedeutet, die grosse Story selber für sich zu entdecken, dabei aber auch die Menschen vor uns als Teil der Erzählung zu sehen und ihr Leben und Denken einfliessen zu lassen. In der Kirchengeschichte liegt mit Augustiuns, Irenäus, Thomas von Aquin, Martin Luther, Heinrich Bullinger, Karl Barth, Papst Johannes Paul II., um nur ein paar wenige zu nennen, ein grosser Schatz, den wir nicht einfach übergehen sollten. Aber auch hier gilt: Gott spricht zu jeder Zeit in der Art dieser Zeit, damit es die Menschen dieser Zeit verstehen. Die Bibel mit der Tradition zu lesen bedeutet nur, diese Stimmen auch zu hören, zu lernen, weg zu lasen, anzupassen, zu übernehmen. Doch schlussendlich geht es immer um das eine Zentrum, den grossen Hauptdarsteller: Jesus Christus. Durch ihn können wir den Gott der Bibel persönlich kennen lernen, wieder eins mit ihm werden, und so selber Teil der grossen Erzählung werden. Durch ihn lernen wir, die Bibel als Erzählung zu lesen, den Gott dieser Erzählung zu sehen, mit anderen zusammen die Erzählung in unsere Zeit zu übersetzen und schlussendlich zu leben. Und so werden andere, die noch nichts mit der Bibel anfangen können, an und mit uns einen Teil der grossen Erzählung erleben und vielleicht dann selber einmal mitzuspielen. Und so ist die Erzählung der Bibel nicht nur die unserer Vergangenheit, sondern die unserer Zukunft!

Für diesen Post wurde ich von Scot McKnight und seinem Buch “The blue Parakeet – Rethink How You Read the Bible” inspiriert. Einige seiner Gedanken habe ich – ohne diese zu kennzeichnen – übernommen.